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Chroniken des Totalitarismus — Wenn alles verrückt wird...

Chroniken des Totalitarismus — Wenn alles verrückt wird... Herkunft unbekannt

"Chroniques du totalitarisme – Quand tout devient fou" ist der Titel eines erstaunlichen Textes, den die französische Autorin Ariane Bilheran am 16.08.2021 auf Ihrer Webseite veröffentlicht hat. Sie ist u.a. Doktor der Psychopathologie und auf die Untersuchung von Manipulation, Paranoia, Perversion, Belästigung und Totalitarismus spezialisiert. Darin stellt sie dar, wie ein völlig unlogisches Narrativ zur Propaganda und dann zur Realität und später sogar als vernünftiges Prinzip akzeptiert wird. Herzlichen Dank an unseren Leser my nano, der für Blautopf den anspruchsvollen Text ins Deutsche übersetzt hat!

Chroniken des Totalitarismus – Wenn alles verrückt wird...

In diesem Sommer 2021 hatte ich die Gelegenheit, nach Frankreich zu reisen, ein Land, in dem ich seit mehreren Jahren nicht mehr gewesen war. Es war für mich eine Gelegenheit, einen ernsthaften Verfall der menschlichen Beziehungen und Werte zu beobachten, ein fruchtbarer Boden für die laufende paranoide Dekompensation.

Vielleicht sollte ich zunächst für den Leser, der mit dieser Fachterminologie nicht vertraut ist, klar definieren, was eine "Dekompensation" ist. Wahnsinn im wörtlichen Sinne ist eine Psychose (gekennzeichnet durch die Verleugnung der Realität: die Realität, wie sie existiert, wird abgelehnt), die ein Delirium hervorruft (das im Diskurs eine "Neo-Realität" hervorbringt, d.h. eine mehr oder weniger inkohärente Erzählung, die von einer anderen als der existierenden Realität berichtet). Meistens ist der Wahnsinn zu erkennen, denn die Erzählung verliert sich in einer Zeit und einem Raum, die nicht mit der Erfahrung übereinstimmen, und bildet ein Mosaik aus nebeneinander stehenden grammatikalischen Sätzen ohne Kopf und Schwanz. Neologismen (neue Wörter) gibt es in Hülle und Fülle, und selbst Uneingeweihte sind in der Lage, einen Wahnausbruch zu erkennen.

Wenn Marion in einem manischen Delirium ihr Transistorradio mit ihrem Hund Medor verwechselt und mit ersterem an der Leine durch Marseille spaziert und mit ihm redet, damit er sich nicht an den Auspuffen der Autos verbrennt, ist es für den Uneingeweihten klar, dass "etwas nicht stimmt".

Die paranoide Psychose ist jedoch durch eine Wahnvorstellung gekennzeichnet, die nicht leicht zu erkennen ist, weil sie der Vernunft ähnelt. Sie nimmt deren Kleidung, deren Geruch, deren Farbe, deren Geschmack an, aber sie ist nicht rational und noch weniger allgemein einsichtig. Der Verfolgungswahn wurde – ohne sich um das Prinzip des Nicht-Widerspruchs zu kümmern – zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Psychiatern Sérieux und Capgras als "Vernunftwahn" bezeichnet. Die Wirklichkeit wird umgeschrieben, aber aus der Perspektive der Ideologie: Man tut das Gegenteil der Ideale, auf die man sich beruft, und vor allem verfolgt man die Unschuldigen, die man als schuldig bezeichnet hat, im Namen des "Gemeinwohls".

Paranoia funktioniert über Projektion: Man beschuldigt den anderen der eigenen Schuld, besonders die unschuldigen Profile, die somit "jungfräulich" sind und zusätzliche Schuld empfangen. "Wenn man seinen Hund töten will, beschuldigt man ihn, Tollwut zu haben".

Im paranoiden Wahn ergibt nichts mehr einen Sinn, aber alles tut so, als hätte einen.

Die paranoide Psychose behauptet, die Kontrolle über das Bewußtsein zu haben, indem sie ein Mobbing von Gruppen inszeniert, die sie in "gute" und "böse" Menschen einteilt. Die Bösen sind diejenigen, die sich der Gängelung widersetzen oder sich weigern, in die neue wahnhafte, ideologische Realität einzutreten, die von der Paranoia vorgeschlagen wird. Die Paranoia beherrscht die Prozeduren der Sekten meisterhaft.

Die Dekompensation ist der Moment, in dem der Paranoiker, sei es ein Einzelner oder eine Gruppe (denn dieser "Denkwahn" ist ansteckend), sein Delirium so steigert, dass es in Handeln umschlägt. Denn, wenn das Delirium eine neue Realität schafft, um die alte zu ersetzen, muss – unter den Bedingungen der Paranoia – diese neue Realität geschehen. Der Diskurs ist ein performatives Orakel: Er allein erzeugt die Wirklichkeit. Es gibt keine Reflexivität mit der Erfahrung mehr, um einen Weg der Wahrheit zu schaffen. Das wahnhafte Wort ist allmächtig und will dies beweisen, indem es die Realität mit dem Siegel der Ideologie versieht.

Der Diskurs ist nicht länger ein Reflex der Erfahrung, sondern die Erfahrung muss sich dem Diskurs anpassen.

Dies ist eine grundlegende Negation dessen, was Psychoanalytiker das Realitätsprinzip nennen. In einem Artikel von Hannah Arendt mit dem Titel "Die Saat der faschistischen Internationale" ** stellt die Philosophin fest:

"Es ist ein zu wenig beachteter Aspekt der faschistischen Propaganda, dass sie sich nicht mit der Lüge begnügte, sondern bewusst plante, ihre Lügen in die Realität umzusetzen. So erkannte Das Schwarze Korps einige Jahre vor Ausbruch des Krieges, dass das Ausland den Nazis nicht wirklich glauben würde, wenn sie behaupteten, alle Juden seien Bettler und Vagabunden, die nur als Schmarotzer von der Wirtschaft anderer Nationen leben könnten; aber, so prophezeite es, die ausländische öffentliche Meinung bekäme innerhalb weniger Jahre die Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, wenn die deutschen Juden wie ein Haufen von Bettlern verjagt würden."

Niemand war auf diese Art der Erfindung einer lügenhaften Realität vorbereitet. Das wesentliche Merkmal der faschistischen Propaganda war noch nie die Lüge, denn die Lüge ist ein ganz gewöhnliches Merkmal der Propaganda, überall und zu allen Zeiten.

Was diese Propaganda im wesentlichen ausnutzte, war das alte westliche Vorurteil, das die Realität mit der Wahrheit verwechselt, und damit aus "wahr" etwas machte, das nur als Lüge gegeben ist. Deshalb ist jedes Argument gegen die Faschisten – die so genannte Gegenpropaganda – so zutiefst sinnlos: Es ist, als würde man mit einem potenziellen Mörder darüber debattieren, ob sein künftiges Opfer lebt oder tot ist, und dabei völlig vergessen, dass der Mensch zum Töten fähig ist und dass der Mörder, indem er die betreffende Person tötet, jederzeit die Richtigkeit seiner Behauptung beweisen kann.

In aller Deutlichkeit: Der paranoide Wahn verfolgt, und zwar im Namen dessen, was er prophezeit. Und was er prophezeit, lässt er einfach wahr werden.

"Es wird viele Tote geben", sagt er. Und tatsächlich, durch das Verbot von Behandlungen, die Patienten heilen, ist es sehr wahrscheinlich, dass es zu diesen Todesfällen kommen wird. Darüber hinaus rechtfertigt das ideologische Narrativ die Verfolgung als Notwehr. Bei Paranoia ist es erlaubt zu töten, weil es in Selbstverteidigung war!

Mord ist gerechtfertigt und vertretbar, da Verstöße von nun an im Namen des Gemeinwohls erlaubt sind.

Der Moment der paranoiden Dekompensation, d.h. der Entfesselung des Deliriums, ist äußerst heftig. Diejenigen, die mit Psychotikern und insbesondere mit Paranoikern arbeiten, wissen das sehr gut. Wahnhafte Ausbrüche verlaufen in Phasen, mit Flauten. So können wir die Verfolgungen der Nazis analysieren: Zwischen zwei Razzien gab es Lockerungen der Maßnahmen. Es flammte auf, beruhigte sich wieder und flammte dann wieder auf, genau wie bei einem wahnhaften Ausbruch.

So wurden beispielsweise am 16. April 1944 die 220.000 Budapester Juden (die 20% der Stadt ausmachten) gezwungen, in die 1948 "Häuser mit dem gelben Stern" zu ziehen und durften nur drei Stunden am Tag zum Einkaufen, Baden und für Arztbesuche ins Freie gehen. Es folgten die Beschlagnahme von Kunstwerken und Enteignungen, das Verbot, geistige Berufe auszuüben und die Streichung von 500.000 Bänden jüdischer Autoren.

Am 1. Mai 1944 wurde der Erlass vom 22. April umgesetzt, der niedrigere Lebensmittelrationen für die Juden vorsah. Zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 organisierte Eichmann zusammen mit anderen ungarischen Entscheidungsträgern die Deportation von 437.402 Menschen nach Auschwitz-Birkenau. Doch im Juli wurde die Entscheidung, alle Juden aus Ungarn zu deportieren, abrupt gestoppt. Gleichzeitig wurde die Enge etwas gelockert: Die Budapester Juden durften ihre Wohnungen für sechs Stunden am Tag verlassen, vor allem aber durften sie ab Ende August 1944 an bestimmten jüdischen Festen teilnehmen und arbeiten. Die Deportationen wurden im letzten Quartal des Jahres 1944 wieder aufgenommen.

Es ist klar, dass dies in Wellen geschieht, die kollektiven Momenten von Wahnausbrüchen entsprechen, die manchmal wieder abklingen. Und diese Wellen bauen sich zu einem Crescendo auf: Entweder wird die kollektive Paranoia durch den Krieg besiegt, oder sie verzehrt sich in einer Logik der Selbstzerstörung (Hannah Arendt bemerkte in demselben Artikel, dass die Nazis sich nicht um die Zerstörung Deutschlands scherten, das sie in der herrschenden Ideologie doch so verherrlicht hatten). Vielleicht stößt sie aber auf genügend Widerstand? Wir stehen heute immer noch am Scheideweg, und die kommenden Monate werden entscheidend sein. Es ist notwendig und ausreichend, dass die Massen aufhören, an die verlogene Ideologie zu glauben.

Der paranoide Wahn nimmt den gesamten psychischen Raum ein und lässt in einer Art "Eiszeit" erstarren.

Die im Unsinn gefangene Psyche sucht dann Zuflucht in der Spaltung, die ihr vorgeschlagen wird: Einen Feind des Übels zu benennen, ist verlockend und einfach, zumal dies genau das ist, was der Drangsalierer systematisch tut. Wenn etwas schief geht, dann nicht wegen des Drangsalierers, nein! Sondern natürlich wegen dem, der sich gegen ihn wehrt! Die wahnwitzige Erzählung dreht sich im Kreis, und gefangen im Wirbelwind der Informationen, die wir täglich aus allen Richtungen erhalten, wo die Winde alle anarchisch und gegensätzlich wehen, ohne dass wir ihren Kurs erkennen können, bleiben wir fassungslos. Denn es ist in der Tat ein wahnsinniger Aufruhr, mit dem wir es zu tun haben. Kontrolle wird mit Gesundheit verwechselt; einem Teil der Bevölkerung wird fortan die Versorgung verweigert, und zwar nach ganz klaren Kriterien: Mögen die sterben, die das Fetischobjekt des Wahns ablehnen! "Was uns retten wird, ist der Impfstoff! " Auch wenn Medien und Politiker verkünden, dass "der Impfstoff frei macht", so stimmt das doch nicht. "Geimpfte" müssen sich PCR-Tests unterziehen, da sie ansteckend sein können.

Welchen Sinn hat die vom französischen Bildungsminister Jean-Michel Blanquer vorgeschlagene Trennung von "geimpften" und "ungeimpften" Kindern im Klassenzimmer, wenn die "Geimpften" genauso ansteckend sein können? Das ist doch alles Unsinn! Die paranoide Wahnvorstellung bricht in den gesamten psychischen Raum ein und verhindert jeden Abstand und jedes Denken, weil sie sich im Moment der Dekompensation durch schockierende Bilder und Gesetzesübertretungen bis zur Raserei steigert.

Der Mensch ist in Gefühlen und Schockstarre versunken. Die Schläge prasseln nieder. Die Bevölkerung, die den Wahn spürt, führt ihn aus, weil sie von ihm verschlungen wurde: So sehen wir, wie die Menschen ein Gesetz der Segregation anwenden, noch bevor dieses Gesetz verabschiedet wurde.

Frankreich hat seinen Verstand verloren.

Der Rhythmus der Dekrete und politischer Entscheidungen verhindert jede reflektierende Distanz, und die Menschen, die spüren, dass etwas nicht stimmt, wollen "handeln". Es wäre jedoch notwendig, eine große Pause einzulegen mit einem kritischen Blick auf das, was gerade geschehen ist. Leider ist dies ganz und gar nicht die Absicht der Macht, die nur Unterwerfung oder Ausschluß kennt . Es ist ganz natürlich, dass die Menschen unter diesen Bedingungen rebellieren werden.

Es ist wichtig, dem Delirium nicht zu verfallen und diesen Moment als das zu betrachten, was er ist: Eine wahnwitzige Dekompensation, angesichts derer es von grundlegender Bedeutung ist, seinen inneren psychischen Raum zu finden, d.h. sich von der einschüchternden Propaganda zu lösen, die nicht nur von den Medien, sondern auch von den unaufhörlichen Informationen kommt, die man von Freunden, Kollegen usw. erhält. Sich zu entziehen bedeutet nicht, nicht mehr informiert zu sein, sondern trotz des Empfangs von Nachrichten seine innere Welt bewahren zu können, auf die es der paranoide Wahn mit dem Raub des Intimen abgesehen hat.

Keine Aktion wird dauerhafte Früchte tragen, wenn sie rein reaktiv ist, zumal eine paranoide Dekompensation dazu führt, dass nicht nur die Macht, sondern auch diejenigen, die sich ihr widersetzen, ausagieren. "Wir werden alles in die Luft jagen", konnte ich hören. Aber was wird das Ergebnis sein, wenn man "alles in die Luft jagt"? Noch mehr Verwüstung?

Es ist absolut notwendig, sich diesem Wahn zu entziehen.

Es reicht nicht aus, die Mechanismen des Wahnsinns zu kennen: Ich habe erlebt, wie manche Menschen darin versunken sind, obwohl sie die Mechanismen der Verleugnung, der Spaltung usw. sehr gut kennen. Das ist nicht der Ort, wo sich der innere Widerstand befindet, sondern im Festhalten eines Horizonts, einer Vergangenheit, eines Anderswo, das nahrhaft und transzendent genug ist, um allein gegenüber der wahnhaft gewordenen Gruppe zu widerstehen. Es ist notwendig, die eigene Fähigkeit zu stärken, in der Einsamkeit zu leben, bis die anderen aufwachen und erkennen, dass das, woran sie geglaubt haben, nur eine mit einem Alptraum synchronisierten Farce war.

Die Wiederherstellung des Sinns bedeutet nicht notwendigerweise, einen mit Paradoxien vollgestopften Wahn, der jede Logik aufhebt, zu entwirren, sondern zu den moralischen, historischen, literarischen, rechtlichen, mathematischen und philosophischen Grundlagen zurückzukehren, die die Säulen unserer Menschlichkeit garantieren. Halten wir es also nicht für unnütz, einen Schritt zurückzutreten, um unseren inneren Raum zu nähren, um nachzudenken und einen gewissen Abstand zu wahren, um von Zeit zu Zeit durch Lektüre in andere Zeiten und an andere Orte zu flüchten, um unsere Seele durch Kontemplation zu nähren, um nicht ins Delirium oder in Gewalt zu verfallen.

Es ist anzumerken, dass der paranoide Wahn den gesamten sozialen Raum mit seiner eigenen Ideologie kontaminiert, aber auch andere paranoide Ideologien als Spiegelbild hervorbringt, vor allem bei denen, die behaupten, sich ihm zu widersetzen, während sie manchmal auch verschluckt werden. Candides Schlussfolgerung angesichts des Wahnsinns der Welt war, "seinen Garten zu pflegen", und dazu möchte ich den Leser ermutigen, im wörtlichen und übertragenen Sinne. Paranoia lädt uns immer dazu ein, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Retten wir das Kind, und lassen wir die Welt vor dem Delirium in uns leben, und die Welt, die darauf folgen wird.

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Anmerkung [von Ariane Bilheran] zur Berichtigung des Artikels "Wenn alles verrückt wird" [27. August 2021]

Im Anschluss an eine fundierte Bemerkung von François Hou, ehemaliger Student an der École Normale Supérieure (Ulm), agrégé d'histoire und Doktor der Zeitgeschichte (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), für die ich ihm herzlich danke, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die (von Eichmann geplante) Deportation der Budapester Juden durch das Eingreifen des Regenten/Admirals Horthy gestoppt wurde. Derselbe Regent Horthy hatte jedoch die Deportation aller Juden aus der Provinz (437.402) genehmigt, die von Eichmann unerbittlich organisiert und in kaum zwei Monaten durchgeführt wurde, wobei ein großer Teil der Bevölkerung und die ungarischen Behörden mitwirkten.
Nach dieser Episode wurden die Massendeportationen nach Auschwitz weitgehend eingestellt und einige antijüdische Gesetze gelockert, bis die Verfolgung nach dem Pfeilkreuzlerputsch wieder massiv einsetzte, bis die Verfolgung nach dem 15. Oktober 1944 erneut aufgenommen wurde. Was waren Horthys Beweggründe? Warum hat er den Plan gestoppt?

Eine andere Spezialistin, Anne Tiberghien, Übersetzerin aus dem Ungarischen, wies mich auf einen Datumsfehler hin (die Budapester Juden wurden in der zweiten Junihälfte 1944, nicht im April, in die Häuser mit dem gelben Stern zwangsumgesiedelt) und schickte mir insbesondere einen sehr ausführlichen Artikel von Randolph L. Braham zu diesem Thema, in dem es unter anderem um die ungarische Verantwortung für die Verfolgung geht. Braham geht unter anderem auf die ungarische und deutsche Verantwortung bei der Vernichtung der ungarischen Juden ein und ermöglicht ein besseres historisches Verständnis der Lockerung und Verschärfung der antijüdischen Gesetze.
https://www.cairn.info/revue-revue-d-histoire-de-la-shoah-2006-2-page-397.htm#no2

Hier ein Auszug:

"Die von Horthy am 22. März 1944 verfassungsgemäß eingesetzte Regierung Sztojay erlaubte den deutschen und ungarischen Nazis, die Juden Ungarns mit einer Geschwindigkeit und einem Ausmaß an Barbarei zu liquidieren, die in Nazi-Europa ihresgleichen suchen. Unter der Leitung von weniger als 100 SS-Offizieren führten die ungarische Polizei, die Gendarmerie und der öffentliche Dienst die verschiedenen Schritte, die zur Deportation und zum anschließenden Massenmord an den Juden führten, mit einer Routine und Grausamkeit aus, die selbst die deutschen Nazis beeindruckte. Horthy beschloss Anfang Juli auf starken lokalen und internationalen Druck hin, die Deportationen zu stoppen [Hervorhebung von A.B.]. Einige der führenden Politiker der Welt, darunter Papst Pius XII., Präsident Roosevelt und der schwedische König beschlossen schließlich zugunsten der Juden zu intervenieren, nachdem die Schweizer und schwedische Presse den Inhalt des ungarischen Kapitels der 'Endlösung' enthüllt hatte. Ausschlaggebend für Horthys Handeln war die Erkenntnis, dass die Landung der Westalliierten in der Normandie und der unaufhaltsame Vormarsch der Roten Armee im Osten unweigerlich zur Niederlage der Achsenmächte führen würden. Horthys Einschätzung der militärischen Lage wurde wahrscheinlich auch durch die amerikanischen Bombenangriffe auf Budapest am 2. Juli beeinflusst. Doch als Horthy die Deportationen schließlich stoppte, war ganz Ungarn, mit Ausnahme von Budapest, bereits judenrein. [Wenn Horthys Entscheidung für die Rettung der Budapester Juden wirklich von Bedeutung war, so waren die Bemerkungen von Edmund Veesenmayer, Hitlers ehemaligem Bevollmächtigten in Ungarn, nicht ohne Bedeutung. Als Zeuge der Anklage in den Jahren 1945 - 46 bei den Prozessen gegen Laszlo Endre, Laszlo Baky und Andor Jaross, die wichtigsten ungarischen Architekten der 'Endlösung', wies er darauf hin, dass Horthy, wenn er gewollt hätte, die Deportationen hätte verhindern können, da er seine Macht ja gezeigt habe. So kann man Horthy nur dann die Rettung der meisten Budapester Juden zuschreiben, wenn man ihm auch einen wesentlichen Teil der Verantwortung für die Deportationen zuschreibt."

Wie in allen totalitären Systemen gab es auch in Ungarn bei der Verfolgungspolitik mehrere "stop and go". In Kolumbien werden diese "stop and go" als "Akkordeon-Betrieb" (Öffnen/Schließen) bezeichnet. Dies lässt sich durch rein historische Zufälligkeiten erklären (individuelle Entscheidungen, Fraktionskonflikte usw.), aber die von mir vorgeschlagene Lesart der Ereignisse liegt auf einer anderen Ebene, in der Grundwelle der Geschichte und ihren Wellen der totalitären Verfolgung. In dieser Perspektive ist das Individuum nur ein Instrument, das an der Geschichte teilhat und sich mit der Macht des kollektiven Wahnsinns und seinem Funktionieren auseinandersetzt.

Ein weiteres Beispiel sind die Moskauer Prozesse, die zwischen 1936 und 1938 im Rahmen der Großen Säuberungen stattfanden. Ich stelle die Hypothese auf, dass diese parteiinternen Säuberungen als Ablenkungsmanöver dienten, um das Scheitern des ersten Fünfjahresplans und der Kollektivierung des Bodens zu verschleiern. Und dann galt es, die Schuldigen für dieses Versagen zu finden! Der Historiker Nicolas Werth stellt fest:

"Der Große Terror hörte auf, wie er begonnen hatte: auf Befehl von Stalin".

Diese Massenexekutionen wurden im November 1938 abrupt beendet, kurz nach dem Münchner Abkommen vom 29. und 30. September 1938, zu dem Stalin nicht eingeladen war. Ich stelle die Hypothese auf, dass eine Verfolgung die andere ablöste und dass das Ausbleiben der Einladung zum Münchner Abkommen Stalins Aufmerksamkeit auf ein anderes, verfolgungsintensiveres Thema lenkte.

Es ist der Wahnsinn, der regiert, und nicht mehr die Individuen, die zu Instrumenten wahnhafter Ausbrüche werden, die auftauchen und dann abklingen oder sich beruhigen, bevor sie wieder auftauchen. Bei dieser Lesart kann Horty in der Tat das Instrument einer kollektiven psychischen Bewegung sein (siehe das, was ich im Text unterstrichen habe), wobei sich die Individuen im Totalitarismus mit der zugrundeliegenden Ideologie und ihrer Funktionsweise auseinandersetzen: Sie dienen oder widersetzen sich ihr, aber sie sind alle gleichermaßen in sie verstrickt (wie in einem Stalker-Kollektiv, das ist das Gleiche, oder in einer dysfunktionalen Familie). Es sind nicht nur Individuen, die Geschichte machen: Sie sind mit gewaltigen Wellen konfrontiert, die sie überwältigen und die Kontingenz der Ereignisse übersteigen (vgl. das Vorwort von Fernand Braudel zu "Das Mittelmeer").

* Ariane Bilheran, Normalienne (Ulm), Philosophin, klinische Psychologin, Doktor der Psychopathologie, spezialisiert auf die Untersuchung von Manipulation, Paranoia, Perversion, Belästigung und Totalitarismus.
** "The Seeds of a Fascist International", Jewish Frontier, June 1945 pp. 12 - 16.Dieser Text lag bei der Übersetzung zum Abgleich leider nicht vor.

Quelle:
Ariane Bilheran - Chroniques du totalitarisme 5 - Quand tout devient fou…

Übersetzung von unserem Leser my nano

 


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