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Vom Nicht-Wissen und anderen Weisheiten

Vom Nicht-Wissen und anderen Weisheiten Foto: Andrea Altemüller

In der Rubrik "Post-Pandemic-Planet" auf Mutantia erschien gestern dieser schöne Gastbeitrag von Nicolás Cambas, Künstler, Clown und Katalysator der kollektiven Transformation durch Kreativität.

Diese Zeilen sind eine Ermutigung zum Neugierig-Sein, zum Fragestellen, zur Veränderung, damit wir aus der Sackgasse, in der wir uns verirrt haben, wieder herauskommen. Zeit zum Mutieren eben.

Vom Nicht-Wissen und anderen Weisheiten

Unser eigenes Universum, genauso wie das kollektive, ist derart von Theorien geprägt, dass diese sogar die physikalische Reichweite unserer Sichtweise bestimmen. Wir schaffen es nicht, jene Dinge zu identifizieren, die in unserer Kultur und Sprache nicht konzeptualisiert sind. So wie wir bestimmte Muster in der Natur auf Grund unserer Ignoranz oder unserer Distanz nicht einordnen können, die aber einem Jäger und Sammler genug Handlungshinweise geben, um sein eigenes Überleben zu sichern.

Trotzdem ändern Theorien nichts an der Natur des Lebens, die zum Mysterium gehört. Ich kann mich diesem Mysterium zwar mehr oder weniger annähern, aber aus meiner theoretisierenden und endlichen Form des Menschseins, kann ich es nicht vollständig entschlüsseln. Und Sie, als LeserIn, können das auch nicht – womit wir uns auf einer gemeinsamen Ebene befinden. Wir können zwar so tun, als hätten wir die Dinge unter Kontrolle; und indem wir an künstlichen Routinen festhalten, die zu funktionieren scheinen, können wir es sogar am eigenen Körper erfahren. Aber es gibt Dinge, die so nicht funktionieren. Und es sind nicht einmal wenige.

Wenn wir es also wagen, zu erkennen, dass wir nichts wissen und für ein paar Augenblicke die Tatsache atmen, nichts zu wissen?

„Ich weiss nur, dass ich nichts weiss“, sagte Sokrates vor rund 2.500 Jahren. Nein, auch ich verstehe nicht viel von dem, was in der Welt vor sich geht. Ich weiß, dass ich nicht weiß, was vor sich geht, und das bringt mir inmitten von so viel Ungewissheit etwas Frieden. Und in gewisser Weise gibt es mir sogar eine gewisse Freiheit. Ich brauche keine Fahnen zu hissen, und kann stattdessen beim Schlürfen eines Morgentees zuschauen, wie meine Theorien ins Leere fallen und ihnen zum Abschied winken. Und ich werde immer wieder überrascht sein, wie komplex und einfach alles ist und wie wenig ich tatsächlich weiss. Dennoch: Ich will wissen und verstehen! Auch mir drückt das Gewicht dieser Welt auf den Schultern. Letztendlich ändert das Wissen, dass ich nichts weiß, zwar nicht die Welt, aber es ist ein grossartiges persönliches Ventil der Entladung.  

Wir leben seit langem in einer Welt von Menschen, die zu wissen glauben, oder besser gesagt: daran glauben, dass es Andere gibt, die es wissen, und dann denjenigen Bescheid sagen, die das Sagen haben. Innerhalb dieser Mischung aus „Weisheit“ und „Macht“, die unsere Realität derzeit prägt, existiert die Möglichkeit des Nicht-Wissens nicht. Denn das Eingestehen dieses Nicht-Wissens, stellt alles auf den Kopf. Und das ist sehr schwierig zu kontrollieren, und den „Mächtigen“ daher sehr unangenehm. So war es auch zu Zeiten von Sokrates, der für seine Ideen, „die die Jugend in Aufruhr versetzten“ zum Tode verurteilt wurde.  

Im Laufe der Menschheitsgeschichte waren die Unwissenden die Verrückten, die Wahnsinnigen, die Randständigen, die Querdenker, die Verärgerten, die Ignorierten, die Gefürchteten und die Bewunderten. Doch auch sie sind zum Schweigen gebracht worden.

Es gibt viele und gute Geschichten von „verrückten“ Menschen. Sie, die uns etwas anderes gezeigt haben als die gängige Erzählung, und uns dadurch ein Stück weit wachgerüttelt haben: Von Lao Tse im Taoismus (6. Jahrhundert vor Christus, China) und dem Sufi Nasrudin (13. - 14. Jahrhundert, arabischer Raum) über die Heyokas Sioux (Nordamerika) bis hin zu Dali (1904 - 1989, Europa) und einer Vielzahl unbekannter Verrückter ist dieser Archetyp immer schon unter uns gewesen, und hat uns mit seiner schöpferischen Reibung aufgeweckt.

Was uns der Verrückte mit seinem Nichtwissen zeigt, ist, dass die Normen einer Gesellschaft weder in Stein gemeisselt, noch einzigartig, noch unverzichtbar sind. In der Welt der Ahnen sind die Verrückten heilig, denn sie halten das Kollektiv wach, und dies oftmals mit Humor.

Im Gegensatz dazu ist in der Welt, in der der vorliegende Text gelesen wird, die Möglichkeit des Nicht-Wissens schwindelerregend und wird daher gemieden und abgelehnt. Es ist unangenehm und chaotisch, wenn man sich von den bekannten Formen, den Bräuchen und Verpflichtungen, den Gurus und Situationen unserer Zeit lossagen muss. Doch um mit dem Nicht-Wissen zu beginnen, muss man die Glaubenssätze der Massen loslassen.

Manche bezeichnen den endgültigen Verlust der Flexibilität des Wesens als sogenannte Kristallisierung, also einen Prozess, bei dem die Psyche am Bekannten festhält und aufhört, sich weiterzuentwickeln. Eine kristallisierte Person oder eine kristallisierte Gruppe von Personen sind diejenigen, die aufhören zu lernen und ihren Horizont nicht mehr erweitern. Ich stelle sie mir als einen gläsernen Baum vor, an dem keine einzige Frucht und kein einziges Blatt wachsen kann und alles wie ein altes Ornament auf einem Regal befestigt ist. Dort sind sie stehengeblieben.

Hervorgehoben sei an dieser Stelle die Tatsache, dass sowohl Sie als auch ich – da wir teilweise zu diesem Baum gehören – bestimmt in einer Ecke unseres Seins bereits mehr oder weniger kristallisiert sind. Klar, es gibt verschiedene Stufen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass von den Jungen bis zu den Alten diejenigen, die sich am stärksten an das Bestehende und seine Kategorien klammern, in Zeiten turbulenter Veränderungen wie der jetzigen am meisten leiden.  

Die Spannung, die durch das Festhalten an einer früheren Anhäufung von hypothetischen Wahrheiten entsteht, die mit dem Fortschreiten der neuen Zeit unaufhaltsam dahinschmelzen, macht krank. Und dies geschieht mit den Individuen, vor allem aber mit den Massen. Die kristallisierte Masse ignoriert ihre Unwissenheit und folgt falschen Propheten. Und wie schon so oft in der Vergangenheit wird sie, wenn sie richtig gewürzt ist, jedem den Krieg ansagen, der eine andere Struktur vorschlägt als die, in der sie gefangen ist. Die Masse besteht darauf, sich an deformierte Normalitäten zu klammern, und ist nicht gewillt, sich selber als manipuliert, kontrolliert und ignorant wahrzunehmen.

Die Masse denkt, sie sei wissenschaftlich, aber sie ist in erster Linie religiös.

Um aktiv versuchen zu begreifen, was sich derzeit auf dem Planeten abspielt, scheint mir Fragen stellen ein guter Weg. Niemand hat gesagt, dass Nicht-Wissen gleichbedeutend ist mit Ignorieren oder sich Einfrieren. Denn ein unmittelbares Symptom des Nichtwissens ist die Neugier, die Schwester der Kreativität. Die Neugier stellt Fragen und die Kreativität erfindet Antworten. Das Kind, das nichts weiss, stellt Fragen über seinen Körper: mit seinem Blick, mit seinem Speichel, mit seiner Präsenz und mit seinen Spielen. Und so entdeckt es mit der Zeit die Erfahrung, indem es ein kreativ-experimentelles Gedächtnis generiert, welches seine Spuren hinterlässt, bis es in die Schule kommt, wo es dann aufhört, unbequeme Fragen zu stellen und stattdessen zu „lernen“ und zu „wissen“. Da endet diese natürliche Neugierde – in vielen Fällen für immer. Und es erscheinen plötzlich Formeln und Theoreme, vor allem aber Narrative.

Eine kurze Frage an die Allgemeinheit: Warum glauben wir immer noch so sehr an dieses Narrativ, das wir „Bildung“ nennen? Wenn wir uns die Welt anschauen, haben wir dann das Gefühl, dass es gute Ergebnisse liefert?

Sagen wir es mal so: An vielen Stellen lauern versteckte Fallen, insbesondere in unserer Sprache. Ähnlich wie es George Orwell (1903 - 1950) in seinem Buch 1984 beschreibt, bringen wir uns selber bei, Indoktrination „Bildung“ zu nennen. Dabei sind wir über Generationen hinweg indoktriniert worden. Indoktrinieren bedeutet, eine Doktrin aufzwingen. Und diese Doktrin ist so auferlegt, dass man sie bis vor kurzem nicht sehen konnte – insbesondere, wenn man wie die meisten Menschen abgelenkt war. Die Doktrin war Religion, war ein Imperium und war Krieg. Heute nennt sich dieselbe Doktrin „Wissenschaft“.  

Wenn wir die Welt um uns herum mit etwas Abstand betrachten, fällt es uns wie Schuppen von den Augen – und der Kaiser läuft plötzlich nackt an uns vorbei. Die Wissenschaft, die in der Vergangenheit grosse Fortschritte gemacht hat, war die Wissenschaft neugieriger Menschen, die wussten, dass sie nichts wussten und Fragen stellten. Und sie beobachteten und entdeckten – im Wissen, dass es immer mehr Fragen zu stellen und mehr zu entdecken gibt. Jede Kultur hat die Wissenschaft auf ihre eigene Art und Weise ausgeübt und das Universum auf der Grundlage einer wertvollen Vielfalt entdeckt: Die Magie der menschlichen Neugier im Angesicht des universellen Geheimnisses.

Diese experimentellen Kenntnisse und diese Wissenschaften – ich schliesse das Heidentum und den Schamanismus, die Alchemie und die Astrologie mit ein – wurden jedoch im Laufe umfangreicher historischer Prozesse von der einzigen „Wissenschaft“ usurpiert, und diese wiederum funktioniert heute wie eine Religion.

Ich sage Religion, weil diese auch auf endgültigen Definitionen beruht, aufhört, Fragen zu stellen, und sich endgültig zu einer einzigen, unverrückbaren Version der Existenz herauskristallisiert, die zufälligerweise immer den Mächtigen in die Hände spielt. Aus ihrer materialistischen Fabel heraus, die jede individuelle Macht, jede innere Göttlichkeit auslöscht, stellt die Wissenschaft ihre symbolische „Macht“ zur Schau, um uns ihren Wahrheiten zu unterwerfen und die Unterwerfung jener Individuen zu rechtfertigen, die einen anderen Weg als die Masse einschlagen. Es ist die „Wissenschaft“ im Dienste der „Macht“: die Religion.

Oder liege ich damit etwa falsch?

Halten wir fest: Die Programme, die in dieser Welt eingeführt wurden, mit einer „Wissenschaft“ an der Spitze, die vorschreibt, was der Mensch in jeder Phase seines Lebens „sein“ und „wissen“ muss, trennen uns von unserem Potenzial als Individuum und als Spezies und reissen uns letztlich auseinander. Wir „lernen“, die Welt in immer mehr einzelne Fragmente zu unterteilen, aber wir wissen nicht, was sie als Ganzes ist und was ihr Wesen ausmacht. Auch nicht unsere Essenz! Wir sind voll von Spezialisten für bestimmte Schrauben und Muttern, die nicht wissen, wie die Maschine funktioniert oder wozu sie überhaupt dient. Und so gehen wir dahin, zersplittert und verloren, und wiederholen dasselbe immer und immer wieder, und halten die Richtung, die uns die grosse Maschine vorgibt. Ich habe das Bild von Charlie Chaplin (1889 - 1977) vor mir, der in „Moderne Zeiten“ von den Maschinen verschluckt wird … „Bildung“ macht uns für all das fit, und zwar ziemlich perfekt. Ich weiss es nicht, aber ich habe den Eindruck, dass all dies kein Zufall ist.

Woran das wohl liegen mag?  

Vielleicht, weil diejenigen, die sich keine Fragen stellen, nur in der Welt leben können, die ihnen massiv verkauft wird, und es für sie unmöglich ist, über die eigene Wahrnehmung der Welt durch Beobachtung, Neugier und Kreativität zu existieren? Nun, wir kaufen diese Version der Welt, weil wir nicht wissen, wie wir es anders machen sollen – und natürlich auch, weil wir zu faul sind, etwas zu ändern. Und ausserdem ist es das, was alle anderen schliesslich auch tun. Was für eine wunderbare Welt, die sie uns da feilbieten!

Zum Schluss habe ich noch zwei Fragen: Gibt es jemanden, der hier bleiben möchte? Und: Wie kommen wir aus der aktuellen Situation heraus? Aus meiner kleinen, ungeschulten Ecke sehe ich zwei mögliche Wege: jenen der Massen und jenen der Kollektive der Individuen. Die Masse wurde bereits beschrieben, zumindest teilweise, denn das Ganze ist ziemlich komplex. Vor allem aber ist die Masse langweilig und typisch. Jeder, der sie von aussen betrachtet, wird verstehen, wohin sie sich verirrt hat. Hoffnungslos verirrt.  

Der Weg der Kollektive an Individuen dagegen steht weder beschrieben noch geschrieben. Es liegt an jedem Einzelnen es zu wagen: Davon auszugehen, dass er oder sie nicht weiß und aus Neugier – die trotz des zunehmenden Verlusts des Unterscheidbaren überlebt hat – zu beschliessen, das Kommende zu entdecken. Und zwar durch Neugier, Kreativität, Spiel und Resilienz. Und natürlich mit der Schlauheit, der Liebe und der Geduld, die notwendig sind, um in kleinen Kollektiven von Individuen, die die Theorien aufgeben und sich auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen, neue unerforschte Wege zu entdecken – während alles, was bisher bekannt war, demontiert wird.

* Nicolás Cambas (1982, Argentinien) ist Künstler, Clown und Katalysator der kollektiven Transformation durch Kreativität. In den vergangen 18 Jahren hat er an der Schnittstelle zwischen Kunst und Schamanismus geforscht und als nomadischer Clown in Lateinamerika in engem Kontakt mit den Kulturen der Indigenen gelebt. Mit seinem methodischen Vorschlag CAMINOCREATIVO ist er in Europa und Lateinamerika präsent, um mögliche Wege für einen Paradigmenwechsel in dieser Zeit des kollektiven Wandels aufzuzeigen. Er lebt seit Jahren in Ecuador.

Quelle:
Mutantia.ch • Vom Nicht-Wissen und anderen Weisheiten
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