Die Herzen der Zukunft bestehen aus Lehm

Die Herzen der Zukunft bestehen aus Lehm mutantia.ch

Jens und ich haben ein altes Fachwerkhaus und dadurch das wunderbare Material Lehm kennen- und liebengelernt. Als ich auf der Webseite Mutantia von Romano Paganini herumstörberte und diesen Artikel mit dem poetischenTitel entdeckte, war mir sofort klar: Er würde der allererste sein, den ich auf Blautopf im Rahmen unserer Kooperation mit Mutantia veröffentlichen würde – nach deren Vorstellung Ende Oktober. Na dann: Zeit zum Mutieren, kneten wir los!

--------------------------------

Die Herzen der Zukunft bestehen aus Lehm

In Quito versuchen junge ArchitektInnen den Baustoff Lehm aus der Versenkung zu holen. Während sie bei vielen ihrer Zunft auf taube Ohren stossen, rennen sie bei den StudentInnen offene Türen ein.

Urcuqui, Ecuador. – Als es zu eng wird im uferlosen Becken, rücken die Gummi bestiefelten StampferInnen näher zusammen, legen sich die Arme um die Schultern und beginnen im Gleichschritt um die eigene Achse zu drehen. Grinsend verrichtet der mehrfüssige Körper die Arbeit, die sonst von Zementmischern übernommen wird. Bei dem klebrigen Material, das da gerade zu einer homogenen Masse zermalmt wird, handelt es sich jedoch nicht um den Baustoff der Industrie, den Zement, sondern um ein Stück Kulturgut: den Lehm.

Kaum ist die mit Hobelspänen, Sand, Melasse und fermentierten Pferdebällen angereicherte Mischung sämig gestampft, wird sie von den jungen Frauen und Männern in die Karrette gehievt und zur bebauenden Wand gefahren.

Es sind viele Hände, die heute zugreifen in Shungotola, einer kleinen Permakultur-Farm ausserhalb von Urcuqui, rund hundert Kilometer südlich der kolumbianischen Grenze. Sie gehören zu ArchitketurstudentInnen der öffentlichen Universität (Universidad Central) in Quito, viele von ihnen packen heute zum ersten Mal überhaupt auf einer Baustelle mit an. Gefragt sind nicht Berechnungen, Pläne und Excel-Tabellen sondern Hände, Schaufeln und die Lust dreckig zu werden. Eine Realität, der sich viele ArchitektInnen nur ungerne aussetzen – auch in Ecuador.

Die Knete im Gefrierfach

Nicht zuletzt deshalb hat Paulina Villamarin ihre Klasse an den Workshop nach Shungotola gebracht: um den StudentInnen den Kopf zu verdrehen.

„Sie sollen nicht alles glauben, was in der Schule oder an der Universität erzählt wird“, sagt die 37-Jährige. Paulina findet, dass die StudentInnen mit den Materialen in Kontakt kommen sollen, die sie studieren. „Gerade, wenn es sich um Lehm handelt.“

Seit Anfang Dezember haben so rund 120 angehende ArchitektInnen Lehm am eigenen Leib erfahren: Mischungen anrühren, Mauern aus Bambus konstruieren, Verputze applizieren, Naturfarben herstellen. Der Ausflug für 2019 ist bereits geplant – auch weil man in der Stadt über kein eigenes Labor verfügt und die Erde von auswärts herkarren lassen muss.

Paulina selbst kam früh mit Lehm in Kontakt. Ihre Eltern waren beruflich oft in indigenen Gemeinden unterwegs und hatten sie und ihre zwei ältereren Brüder jeweils mitgenommen. In Ecuador leben die indigenen Bauern wie vielerorts in Lateinamerika nach wie vor in Lehmhäusern, Paulina fühlte sich sofort wohl. Als junge Studentin versuchte sie ein paar Jahre später eine Lehmbaumaquete aus Knete zu basteln, blieb allerdings glücklos. Damit das kleine Häuschen nicht in sich zusammenbrach, stellte sie es kurzerhand ins Gefrierfach.

Nach dem Studium wusste sie noch nicht so recht, was sie mit Lehm anfangen soll. Aus Zeitgründen begann sie sich erst vor kurzem intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und war verblüfft, dass an den Universitäten alle von Zement und Eisen sprechen, aber niemand von Lehm. Die zweifache Mutter merkte, dass ihr etwas fehlte. Und als sie das Wort Biokonstruktion hörte, konnte sie den Mangel beim Namen nennen.

Ein paar Tage nach dem Workshop in Shungotola führt Paulina über den Uni-Campus in Quito und zeigt die verschiedenen Modellbauten oberhalb des Parkplatzes: Stampflehm- und Adobemauern, Strohdächer und Lehmverputze, Lehmziegel und ein etwas verwitterter Lehmofen. Seit anderthalb Jahren versuchen sie und zwei andere Dozenten die StudentInnen nicht nur im Hörsaal für nachwachsende Baustoffe zu sensibilisieren, sondern ihnen auch mit Hilfe von praktischen Übungen Werkzeuge mitzugeben.

Was bei Paulina & Co. Euphorie auslöst, stösst intern allerdings  auf Widerstand und Entwertung. Was ihr da baut, bricht beim ersten grossen Regen zusammen und wird auf unsere Autos fallen, lautete einer der Kommentare. Es stört einfach nur, was ihr da macht, ein anderer.

Ist Lehm ein gangbarer Weg für die neue Generation von ArchitektInnen?

„Wir müssen uns fragen, warum wir ArchitektInnen sein wollen“, sagt Paulina unbeirrt, „um Wolkenkratzer zu bauen und bekannt zu werden?“ Entscheidend sei nicht der finanzielle Erfolg, sondern die innere Zufriedenheit. „Und Lehm bietet eine enorme Palette an Gestaltungsmöglichkeiten, die wir noch gar nicht alle kennen.“

Das Fräulein soll sich nicht schmutzig machen

Offener als ihre BerufskollegInnen reagieren Paulinas StudentInnen. Die meisten sind neugierig und tasten sich an das Baumaterial ihrer Vorfahren heran. Davon zeugen die sorgfältig gestalteten Maqueten im Foyer aus echtem Lehm. Einzelne haben sogar Mini-Adobesteine geformt, eins-auf-drei Zentimeter. Die neue Generation von ArchitektInnen analysiert, berechnet, baut und sucht nach Informationen im Internet. Sie will die Vorteile der nachwachsenden Baustoffe kennen, um argumentieren zu können.

Die eingehende Auseinandersetzung mit dem Thema wird spürbar, wenn man sich mit ihnen an einen Tisch setzt. Es fallen Begriffe wie Nachhaltigkeit, Kosteneinsparungen, Klimawandel, Schutz des Ökosystems, modernes Design, Ausrichtung zur Sonne. Und bei Sätzen wie jenem der 23-jährigen Genesis kommt das Gefühl auf, dass sich hier Geschichte und Gegenwart freundschaftlich die Hand reichen.

„Lehm ist kein Synonym von Armut, sondern erinnert an unsere Kultur, an unsere Vorfahren und woher wir stammen.“

So schön die Worte, so komplex die Realität im 21. Jahrhundert. Denn als Genesis bei sich Zuhause vom Lehmbauworkshop erzählte und um Gummistiefel und Handschuhe bat, gaben ihr die Eltern zu verstehen, dass sie sich als junges Fräulein nicht die Hände schmutzig zu machen brauche. Das passe so gar nicht zu ihr.

„Ich erklärte ihnen dann, dass ein Architekt nicht nur Theorie lernen müsse, sondern auch Praxis, und das Lehm ein leicht zugängliches Baumaterial sei.“

Immerhin würden ihre Grosseltern bis heute in einem Lehmhaus leben. Übrigens genauso wie rund ein Drittel der restlichen Menschheit.

Anders waren die Reaktionen in der Familie von Alvaro (24), einer der wenigen Studenten, der schon mehrfach als Maurer auf Baustellen gearbeitet hatte. Zwei seiner Onkels, beide auf Baustellen tätig, wollten kurzerhand wissen, ob sie sich im Lehmbau ausbilden lassen könnten.

In einzelnen Ländern wie Argentinien ist das möglich (dort gibt es einjährige Ausbildungskurse unter anderem finanziert von der Gewerkschaft), in Ecuador beschränkt sich die Ausbildung derzeit noch auf Wochenend-Workshops und mingas in den comunidades.

Dennoch: Die grösste Herausforderung orten sowohl Genesis und Alvaro als auch Studienkollege Xavier (23) im Überwinden des negativen Images, das dem Lehmbau anhaftet.

„In vielen Ländern sind die Prozesse für den Lehmbau bereits technifiziert und das Ergebnis sind ästhetisch anspruchsvolle Bauten“, sagt Xavier. „Dort ist der Lehmbau gesellschaftlich bereits anerkannt.“

Nicht so in Ecuador, zumindest nicht bei den urbanen Schichten, die weit weg vom Alltag auf dem Land leben. Doch selbst bei den campesinos bröckelt zunehmend das Selbstverständnis für den Lehmbau. Bestes Beispiel liefert Alvaro, der in einem kleinen Dorf in den Bergen aufgewachsen ist. Dort werde heute statt mit Lehm mit Zement gebaut. Nicht etwa, weil man vom Industriematerial überzeugt sei, sondern weil man es sich leisten könne. Ein Phänomen, das sich auch anderswo auf dem Kontinent beobachten lässt.

Der Lehmbau wird zunehmend von jenen Menschen als etwas minderwertiges betrachtet, die jahrzehntelang von den Städtern belächelt und gleichzeitig über Fernseh- und Radiowerbung auf die urban geprägte Konsumgesellschaft eingeschworen wurden – und von denen sich die AkademikerInnen in den Städten heute gerne technische Unterstützung holen würden…

Der Lehmbau – er macht die vielschichtigen Lebensrealitäten und -ansprüche auch bei den ArchitekturstudentInnen in Quito sichtbar.

„Letztlich geht es um eine Lebensform“, findet Alvaro, „nicht nur, wie ich baue, sondern wie ich mit der Welt in Verbindung trete.“

Deshalb sei der Lehmbau für ihn so interessant. Zurückhaltender äussert sich Xavier.

„Das Gute am Lehm ist, dass er sich finanziell an die unterschiedlichen sozialen Klassen anpassen lässt, sodass sich schon mit wenig Geld viel machen lässt.“ So oder so müsse der Lehmbau aber irgendwie wieder aktiviert werden, „denn das Wissen geht verloren“.

Und Genesis? Sie spricht zum Schluss stellvertretend für viele  KommilitonInnen, die wie sie nicht aus der Hauptstadt stammen.

„In Quito lässt sich nicht mehr viel machen, hier denken sie ohnehin nur an Wolkenkratzer. Auf dem Land hingegen ist der Lehmbau immer noch Teil der Kultur. Als künftige Architekten sollten wir von dort lernen und dieses Wissen dann weitergeben.“

Der Autor war für die Organisation und Gestaltung der Lehmbau-Workshops in Shungotola mitverantwortlich.

Text: Romano Paganini

Weitere Bilder gibt es auf Mutantia!

Quelle:
Mutantia: Die Herzen der Zukunft bestehen aus Lehm

 


Gelesen 154 mal