Der Blockwart ist zurück: Denunziationen

Denunzianten haben schon immer eine zwiespältige Rolle in der Geschichte gespielt: bei Tyrannen und Diktatoren beliebt, bei allen anderen verhasst und gefürchtet. Als Mittel der Staatsgewalt, idealerweise kombiniert mit Grundrechtseinschränkungen und schweren Strafen, führt ein organisiertes Denunziationswesen unmittelbar zu einer verängstigten und gespaltenen Bevölkerung.

Auch in Deutschland hat dies Tradition, während der Inquisition, im Dritten Reich oder in der DDR. Doch diese Zeiten sind vorbei - sollte man meinen.

Corona-Zeiten bringen uns Grundrechtseinschränkungen und Verordnungen, verbunden mit immer höheren Bußgeldern. Und immer wieder melden sich Politiker, Verwaltungen oder Medien, die sich nicht scheuen, auf diesen Nährboden den Keim der Denunziation zu säen. In bewusster oder unbewusster Ignoranz der deutschen Geschichte knüpfen sie an deren eher weniger glorreiche Tage an.

Schon im März hat der baden-württembergische Innenminister Strobl die Bürger dazu aufgerufen, sich gegenseitig zu überwachen und Verstöße zu melden, mit der Begründung, es gehe "am Ende um Menschenleben". Allein durch diese Aussage schiebt er das Thema von einer sachlichen in eine moralische Diskussion. Und legt als Gutmensch den Grundstein für eine gesellschaftliche Spaltung. Dabei ging es bei der Einführung der Corona-Maßnahmen nicht darum Leben zu retten, sondern darum, die Krankenhäuser nicht zu überlasten (vgl. auch "Wer stirbt an Corona").

Bravourös unterstützt die Stadt Essen nun diese Forderung, richtete sie doch eigens ein "Denunziationsportal" ein, wo Missetaten leicht mit wenigen Klicks gemeldet werden können. Dabei kann der Denunziant anonym bleiben, was für viele deutlich angenehmer ist als ein Anruf, eine Mail oder gar der Gang zur Polizeiwache. Von solchen technischen Errungenschaften wären sicher einige unrühmliche Protagonisten der Vergangenheit begeistert gewesen.

Sogar vor Ärzten macht die neu gefundene Moral nicht halt: Dass Mediziner aufgrund des gegebenen Datenmaterials zu unterschiedlichen Schlüssen kommen, sollte ja eigentlich ein normaler Prozess sein und zu einem fruchtbaren wissenschaftlichen Diskurs führen.

Doch in diesen Zeiten dürfen Ärzte nicht allzu kritisch gegenüber den medial vermittelten Glaubensgrundsätzen sein - so zumindest die Meinung des WDR. Sollten Ärzte Corona "verharmlosen" wird den Patienten geraten, diese umgehend bei der Ärztekammer anzuzeigen. Aber im Zweifelsfalle beraten sicher auch die Journalisten des WDR mit fundiertem medizinischem Grundwissen.

Wird es im nächsten Akt dieses erbärmlichen Schauspiels nun auch noch Belohnungen für die Denunzianten geben? Und haben wir denn wirklich nichts aus der Geschichte gelernt?

Quellen:
WDR, Nachdenkseiten zum WDR, Denunziationsportal Essen, Südkurier zu Strobl

 


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