Flaschenhals Intensivpflege?

Von der Pflegeexpertin Adelheid von Stösser erhielt ich am 6.11.2020 eine Rundmail mit dem Titel "Flaschenhals Intensivpflege".

Diese Thematik ist überaus wichtig, denn die Bundesregierung verordnet viele Maßnahmen, die die Grundrechte einschränken und Teile unserer Wirtschaft zerstören. Dies begründet sie vor allem mit der Notwendigkeit, das Gesundheitswesens nicht zu überlasten und mit der Gefahr, dass Intensivbetten bzw. Personal fehlen könnten.

Die Rundmail von Frau von Stösser, die einige berechtigte Fragen und wertvolle Links beinhaltet, veröffentliche ich gerne hier etwas verkürzt.

Betreff: Flaschenhals Intensivpflege
Datum: Fri, 6 Nov 2020 
Von: Adelheid von Stösser

Liebe Adressaten

derzeit schauen alle auf die steigende Zahl von Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Zwar seien genügend Betten und Beatmungsplätze vorhanden, aber beim Pflegepersonal könne es knapp werden. Der seit Montag geltende Lockdown wurde ausdrücklich sogar damit begründet, die 2. Welle abflachen zu müssen, damit kein intensivpflegebedürftiger Coronapatient mangels Personal abgewiesen werden müsse.

Keine Nachrichtensendung ohne den besorgten Verweis auf die personellen Engpässe. Ein anderes Angstmacher-Argument existiert im Grunde nicht. Bereits während der ersten Welle verging keine Corona-Sendung ohne den besorgten Blick auf Beatmungsplätze oder Ärzte und Pflegekräfte, die in Schutzanzügen das Leben von  Covid-Patienten zu retten versuchen. Verschwiegen wird nach wie vor, dass es – abgesehen von wenigen Kliniken mit verhältnismäßig vielen Covid-Patienten – in den allermeisten Kliniken Bettenleerstände gibt. Mehr als 400.000 Bedienstete wurden zwischen April und Juli sogar in Kurzarbeit geschickt. Ohne den staatlichen Rettungsschirm, von im Schnitt 560 Euro/pro Tag für jedes freigehaltene Bett, könnte kaum eine Klinik diese Lage wirtschaftlich überstehen. (...)

Mit der Frage, wie es um die Intensivmedizin tatsächlich bestellt ist, hat sich der Regensburger Prof. Christof Kuhbandner in einer Analyse befasst. Hier das Ergebnis seiner Recherche:

"Eine offizielle Antwort auf eine Anfrage an das DIVI-Intensivregister* zur Diagnostik von "COVID-19-Intensivpatienten" offenbart aber ein fundamentales diagnostisches Problem. Dort wird bestätigt, dass (1) jeder Intensivpatient - unabhängig von der Symptomatik - mit einem SARS-CoV-2-PCR-Test getestet wird und (2) jeder Intensivpatient - unabhängig von der Symptomatik - mit einem positiven SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis als "COVID-19-Intensivpatient" geführt wird. Letzteres wird auch in einer offiziellen Antwort des RKI auf eine entsprechende Anfrage bestätigt. Selbst wenn demnach beispielsweise eine Person wegen eines Autounfalls auf Intensivstation liegen würde und ein positives SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis aufweist ohne jede weitere COVID-19-spezifische Symptomatik, würde diese Person als "COVID-19-Intensivpatient" zählen."

Diese Feststellung ist erklärungsbedürftig. Wer hat einen Nutzen davon, wenn Patienten, die primär wegen anderer Diagnosen auf Intensivstation behandelt werden, als Covid-Patienten geführt werden? Könnte das dem Anreiz geschuldet sein, dass es für Covid-Patienten mehr Geld gibt, vor allem wenn diese beatmet werden? (aerzteblatt.de)

Vielleicht handelt es sich auch um eine Vereinbarung, die getroffen wurde, damit die Gefahr nach außen hin bedrohlicher dargestellt werden kann? Dass die Politik zunehmend in Erklärungsnot gerät und bei Presseerklärungen auch schon mal doppelt so viele Intensivfälle vermeldet, als das Intensivregister hergibt, darüber hat sich kürzlich sogar der BR gewundert.

Auffallend ist außerdem, dass immer dieselben Kliniken/ Intensivpflegebereiche vorgeführt werden, die von drohenden Engpässen beim Pflegepersonal reden und finanzielle Nachbesserungen fordern, um die "Corona-Last“ schultern zu können. Wohingegen andere eher an Unterlastung leiden und über Bettenleerstände klagen.

Der Leiter der Helios Kliniken hat nun eine Art Gegenoffensive gestartet, indem er täglich berichtet, wie die tatsächliche Belegung in den 86 Helios Kliniken aussieht. Von einem Kollaps des Gesundheitssystems kann hier jedenfalls keine Rede sein.

Deutliche Kritik übt auch dieser Chefarzt.

Weitere wichtige Informationen, die in Zeitungen, Radio und Fernsehen bestenfalls am Rande erwähnt werden, finden Sie auf der Seite von Ärzte klären auf.

Heute wurde im Bundestag darüber debattiert, die vom Infektionsschutzgesetz nicht abgedeckten Corona-Verordnungen, nachträglich zu legitimieren. Das hat die Anwälte für Aufklärung zu diesem offenen Brief bewogen.

Persönlich sehe ich mich und unseren Verein** mehr denn je als Anwältin der Pflegebetroffenen. Aktuell sind wir dabei ein Leitlinien-Papier zu verfassen um die Betroffenen in den Pflegeheimen über ihre Rechte in Corona-Zeiten aufzuklären.

Bis auf weiteres verbleibe ich mit freundlichen Grüßen  

Adelheid von Stösser

* DIVI = Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Fußnote von mir)

** pflegeethik initiative (Fußnote von mir)

Hinweis: Am 15.07.2020 war Adelheid von Stosser bei der zweiten Sitzung des Corona-Ausschusses zu Gast (YouTube, 10 Minuten).


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