Die Debatte in Deutschland über Atomstrom hat mit Frankreich zu tun

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Ralf Streck im Gespräch mit Florian Rötzer über das fatale Festhalten Frankreichs an der Atomenergie, was ganz Europa belastet und militärisch begründet ist. Um einen Blackout zu vermeiden, wird Strom aus Europa zugekauft, was die Preise in die Höhe treibt.

Nicht Deutschland braucht den Strom aus den AKWs, die weiter am Netz bleiben sollen, sondern Frankreich, um durch den Winter zu kommen.

Diesen Artikel haben wir dankend von overton-Magazin übernommen.

Es ist ja schön heiß zurzeit. In Deutschland überlegt man, ob man die AKWs länger laufen lassen soll, um fehlendes Gas aus Russland zu ersetzen. In Frankreich hat man ganz auf AKWs gesetzt und muss nun während der Hitzewelle, wenn ausgerechnet der Stromverbrauch auch wegen der Klimaanlagen, ansteigt, abstellen. Wie ist die Situation im Augenblick in Frankreich?

Ralf Streck: Die Situation kann man durchaus als fatal bezeichnen. Jetzt kommen noch die Klimaveränderung und die extreme Dürre dazu, die damit einhergeht. Wir haben eine Hitzewelle, die über 40 Grad geht. Die Flüsse sind aufgeheizt, jetzt müssten eigentlich nach den bisherigen Grenzwerten 5-6 AKWs abgeschaltet werden, weil die Grenzwerte der Flüsse schon überschritten waren.

Man muss dazu sagen, dass schon die Hälfte der AKWs sowieso abgeschaltet ist.

Ralf Streck: Die Hälfte der AKWs ist abgeschaltet, aber auch fast 2/3 der Leistung bis jetzt. Und das nur, weil die sechs Atomkraftwerke nicht abgeschaltet wurden, wie man das eigentlich hätte machen müssen. Sie wurden auf ein Minimum herunter geregelt, da man mittlerweile in Frankreich jedes Megawatt, was man irgendwie zusammenkratzen kann, zu retten versucht. Alles wird angepasst an diese Situation. Deswegen hat man jetzt die Grenzwerte für die Einleitung von Kühlwasser in die Flüsse angehoben. Das heißt, man kocht jetzt Fische in den großen Flüssen. Das ist der absolute Wahnsinn und hat eben damit zu tun, dass man sich in Frankreich in eine Sackgasse bewegt hat.

Man hat jetzt überall Probleme. Wegen Corona fanden Wartungsarbeiten zum Teil nicht statt, etliche AKWs wurden abgeschaltet wegen Wartungsarbeiten. Zwölf sind abgeschaltet wegen Korrosion. Die Korrosionsprüfungen hat man auf das Frühjahr verschoben, weil man dachte, dass man im Winter ein Blackout-Problem bekommen könnte. Das hat man aber jetzt schon mitten im Sommer. Wir kriegen in Frankreich ständig die Mahnung, Strom zu sparen, vor allem am Morgen, wenn die Industrie auf Hochtouren läuft.

Frankreich zieht gerade wieder 11 Gigawatt an Energie aus dem gesamten europäischen Netz. Das ist eine ganz erhebliche Leistung, das können wir in Deutschland zum Teil auffangen über die zur Zeit sehr hohe Solarstrom-Produktion. In den letzten Tagen wurde zum Teil deutlich mehr Solarstrom produziert – natürlich nur in den Zeiten, wo die Sonne scheint -, als Frankreich mit seinen Atomkraftwerken Atomstrom herstellt. Es gab zeitweise allein 35 Gigawatt Leistung an Solarstrom in Deutschland, die Franzosen kriegen gerade mal noch 24 Gigawatt zusammen.

Das zeigt natürlich auch, wie sich Frankreich immer weiter in diese Sackgasse verrennt, anstatt daraus Konsequenzen zu ziehen. Man muss ja wirklich kein kein Einstein sein, um zu wissen, dass die Klimaveränderung weitergeht und damit das Problem, dass man entweder kein Kühlwasser hat oder viel zu heißes Kühlwasser.

Man könnte ja die AKWs am Meer bauen.

Ralf Streck: Ja gut, man hat ja schon welche am Meer gebaut, also zum Beispiel den EPR in Flamanville am Ärmelkanal. Der sollte schon seit zehn Jahren Strom liefern, stattdessen verbrennt er die ganze Zeit Energie und viel Geld, weil die Kosten für den Neubau von 3 Milliarden auf 20 Milliarden Euro explodiert sind. Hätte man mit diesen 20 Milliarden erneuerbare Energien gebaut, die sofort oder mit kurzer Bauzeit Strom produziert hätten, dann hätte man das gesamte Desaster nicht. Aber die Franzosen wollen weiterhin Geld mit dieser Dinosaurier-Technologie verbrennen, was sie noch tiefer in die Problemzone führen wird. Frankreich braucht Strom nicht nur jetzt schon im Sommer, sondern auch im Winter, wenn die Solarstrom-Produktion in Deutschland natürlich einbrechen wird. Logischerweise scheint die Sonne wesentlich kürzer im Winter. Dann kriegen die Franzosen ein ernsthaftes Problem.

Verrückt ist, dass in Deutschland niemand darüber spricht, dass natürlich die Situation in Frankreich in ganz Europa die Preise hochtreibt. Wir bezahlen in Deutschland nicht nur, dass wir Reserve-Gaskraftwerke für Frankreich bereithalten, sondern wir verbrennen schon die ganze Zeit unser Gas. Da wird dann immer behauptet, wir verbrennen das Gas für uns. Aber ein guter Teil dieses Stroms aus Gas fließt die ganze Zeit nach Frankreich.

Wenn ich mir diese Energy Maps anschaue, dann fließt gerade wieder aus Gesamteuropa Strom nach Frankreich. Da steckt garantiert die Atomkraftlobby dahinter. Frankreich ist weiterhin als grün eingezeichnet, weil Frankreich ja angeblich mit Atomkraft so billigen Atomstrom produziert. Wenn man aber sieht, dass aus allen Ländern, die mit Gas oder Kohle Strom produzieren, Strom nach Frankreich liefern, dann müsste man das eigentlich in die CO2-Bilanz von Frankreich einberechnen, nicht in die CO2-Bilanz von Deutschland oder Polen. Das wird aber nicht gemacht. Dahinter steckt eine ganz klare Propaganda, letztlich um zu zeigen, dass die Franzosen angeblich grün sind.

Es wird also so viel Strom zugekauft, dass alles noch weiterlaufen kann. Die Industrie erhält ebenso wie die Haushalte noch Strom?

Ralf Streck: Bisher wird nur dazu aufgerufen, dass man Strom spart, weil man ja weiß, dass in Deutschland gerade enorm viel Solarstrom zu den Zeiten erzeugt wird, wo man den Strom auch braucht, nämlich tagsüber, wenn die Industrie brummt. Von daher kann man bisher noch auf härtere Maßnahmen verzichten. Der Energieverbrauch geht im Sommer in der Urlaubszeit ja zurück und deswegen ist die Lage noch einigermaßen überschaubar. In den nächsten Wochen ist meiner Meinung nach noch nicht mit einem Blackout zu rechnen. Wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet worden wären, die die Flüsse anheizen, hätte es ein riesiges Problem gegeben. Jetzt wird Flora und Fauna zerstört, was auch die Klimaveränderung weiter antreibt.

Ich stelle mal eine ketzerische These auf: Die Atomstromdebatte, die wir in Deutschland darüber führen, ob man diese drei Atomkraftwerke am Netz lässt – darunter auch Neckarwestheim, ein übles AKW, das von Rissen nur so durchsetzt ist -, findet nur deswegen statt, um Frankreich im Winter abfangen zu können und nicht, um für Deutschland Strom zu produzieren.

Gibt es denn dafür Hinweise?

Ralf Streck: Das ist ein logischer Schluss. Wenn es jetzt schon in Frankreich Probleme gibt, dann werden diese im Winter noch größer werden. Kühlen ist zwar relativ energieaufwendig, aber in Frankreich haben viele Leute noch keine Klimaanlagen. Das wird wahrscheinlich erst kommen. Alle haben aber Stromheizungen. Als es vor 10 Jahren im Januar eine relativ Kältewelle gab, wurden 102 Gigawatt gebraucht. Wenn die Franzosen jetzt mit den AKWs eine 24-Gigawatt-Leistung haben, statt der 64, die sie eigentlich haben sollten, dann gibt es ein Problem, wenn sie 102 Gigawatt brauchen. Angesichts der Energieknappheit, die mittlerweile in Europa herrscht, ist ziemlich klar, dass das vom europäischen Netz nicht aufgefangen werden kann.

Deswegen läuft die Debatte in Deutschland nur deswegen, weil Frankreich den Strom braucht. Der Netzausbau Richtung Frankreich ist relativ gut, das kann man auch daran sehen, dass jetzt schon wieder zwei Gigawatt über die Grenze laufen. Wie wir das bei der EU-Taxonomie schon besprochen haben, geht es im wesentlichen um Militärfragen. Das wird nur ein bisschen verbrämt und aufgehübscht. Es wäre natürlich das absolute Drama, wenn wir uns vorstellen, dass es in Frankreich einen Blackout gibt, der dann über die Grenze durch ganz Europa rollt, wenn man nicht rechtzeitig das Netz abtrennt. Und dann haben wir das Problem, dass alle sagen müssen: Das französische Atommodell mit ihren Atomkraftwerken ist völlig gescheitert, auch dass Atomkraft gut ist und Versorgungssicherheit bietet.

In Spanien gibt es auch noch ein paar Atomkraftwerke. Wie sieht die Situation denn da aus?

Ralf Streck: In Spanien haben wir die relativ luxuriöse Situation, dass früher unter den Sozialdemokraten verstärkt auf erneuerbare Energien gesetzt wurde. Das wurde dann von den Konservativen völlig ausgebremst. Aber es gibt einen relativ hohen Stand bei der Windkraft und der Photovoltaik, weswegen es hier keine Flaute gibt. Die Windkraftanlagen laufen relativ gut. Die Photovoltaik wurde im letzten Jahr stark zugebaut, weil die Preise so billig sind, während die Preise für Strom in die Höhe schnellten. Geholfen hat auch, dass die sozialdemokratische Regierung diese verrückte Sonnenstromsteuer abgeschafft hat, die die Konservativen eingeführt hatten, um den Eigenverbrauch möglichst abzuklemmen. Sie haben einen absoluten Oligopol-Lobbyismus betrieben. Bei den Sozialdemokraten ist dies ein bisschen weniger stark ausgeprägt. Von daher wurde in begrenztem Maße die Solarförderung wieder aufgenommen. Deswegen haben wir jetzt eine relativ luxuriöse Situation, weil genug Wind weht, um auch den Franzosen aus Spanien noch Strom liefern zu können.

Auch Portugal produziert eine hohe Leistung, aber die Kabelverbindungen über die Pyrenäen sind immer noch relativ schlecht, so dass man aus Spanien und Portugal das Netz in Zentraleuropa nicht wirklich stabilisieren kann. Im Moment läuft es, aber das wird im Winter hier auch problematisch, wenn es landesweit ein bisschen dunkler ist und vielleicht mal Regenwolken über dem Land hängen.

Das würde aber die Winderzeugung nicht schwächen.

Ralf Streck: Wenn man Glück hat und es genug Wind gibt. Hier in der Nachbarregion Navarra wird praktisch 100 % des Stroms mit Windenergie erzeugt. Das sieht nicht unbedingt schön aus. Überall sieht man eine Windmühle.

Das ist ja auch das Problem beim Umstieg auf erneuerbare Energien. Hier auf dem Land in Bayern vermehren sich die großen Solaranlagen, die Wiesen und Äcker überdecken.

Ralf Streck: Mein Ding ist es auch nicht. Ich bin auch der Meinung, man sollte das nicht tun. Solange es noch Dächer ohne Solaranlagen gibt, sollte man keine Wiesen zustellen. Das ist ein Eingriff in die Natur. Man braucht dann Versorgungsleitungen, Trafohäuschen, Zäune, einen Zugang und alles Mögliche, das ist immer ein Eingriff in die Natur.

Man wird, verdammt nochmal, um die Debatte nicht herumkommen, endlich mal anzufangen, Energie zu sparen. Wenn ich schon diese FDP-Fuzzis höre, die sich gegen eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf Autobahnen auf 130 km/h sperren. 130 ist doch schnell genug und eigentlich noch viel zu viel, weil man damit wie verrückt Energie verbrennt, während man auf der anderen Seite sagt, man müsse Energie sparen. Das ist absoluter Wahnsinn. Wir müssen mal anfangen, die Ressourcen vernünftig zu nutzen, weil der Klimawandel ja wohl auch für den letzten Idioten jetzt mittlerweile offensichtlich feststellbar ist.

Wir müssen auf die Bremse treten. Der Ukraine-Krieg hat damit eigentlich gar nichts zu tun, auch wenn das jetzt meist daran aufgehängt wird. Die Probleme in Frankreich mit den Atomkraftwerke, der fehlende Strom, der Klimawandel, das hat doch mit dem Krieg nichts zu tun, sondern das gibt es schon längst. Das könnte uns vielleicht doch mal zu der Erkenntnis bringen, dass wir jetzt mal einzusparen versuchen, so weit es geht. Wenn wir es vernünftig machen, muss man auch keinen Komfort einbüßen.

Ja gut, aber im Augenblick sieht das nicht danach aus. Es gibt nicht nur den Krieg, der selbst klimaschädlich ist, sondern es brennt auch überall, was auch CO2 in die Atmosphäre verpufft. Es werden wieder Kohlekraftwerke angeschaltet. Im Augenblick läuft alles in die Gegenrichtung.

Ralf Streck: Wir sind in den Teufelskreis, den die Klimaexperten angedacht haben, schon eingetreten. Auf der einen Seite verbrennen die Wälder, stoßen mehr Kohlendioxid aus, und können, weil sie verbrannt sind, auch kein Kohlendioxid mehr speichern. Wir verbrauchen auch mehr Energie für Kühlung, weil es so heiß ist. Und so weiter. Und weil wir mehr Energie verbrauchen, verbrennen wir wieder mehr fossile Energieträger, anstatt das zu durchbrechen, was man schon längst hätte machen müssen. Die große Koalition in Deutschland war ja auch stark darin, die Energiewende auszubremsen.

Das Gespräch wurde am 20. Juli geführt.

Quelle und Verweis:
overton-Magazin • Die Debatte in Deutschland über Atomstrom hat mit Frankreich zu tun
https://agsi.gie.eu/ • Füllstände der Erdgasspeicher in Europa

 


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